Archiv für August 2008

Prominent

31. August 2008

Wir haben in einem Vorbericht über die European Masters Games in Malmö diesen Satz geschrieben:

Zu den prominenten deutschen Startern in Malmö zählen bislang Annette Weiss, Simone Noack, Sigrid Böse und Ann-Kathrin Eriksen, David Alexander, Jan Voigt und Wolfgang Reuter

Die vielfache Kritik an dieser Formulierung hat uns voll getroffen. Jan Voigt ist bekanntlich nach einem Dopingverstoß aufgefallen und war zwei Jahre gesperrt. Inzwischen ist er wieder startberechtigt. Hier eine typische E-Mail, die wir erhalten haben:

Ihr nennt nennt einen Dopingsünder in einem Atemzug mit einem Wolfgang Reuter und habt die Vaterstettener Erklärung auf der Homepage; wenn man es mit antidoping ernst meint, dann gebt diesen Betrügern wie Liedtke und Konsorten keine Plattform und bezeichnet sie auch noch als prominete Starter. Ich habe mir jedenfalls geschworen, sollte ich mal auf z. B. auf den Ahrensburger Muschinski treffen – kurz vor  Voigt beim Dopen erwischt – er wird keine Hand bekommen, egal ob er vor oder hinter mir ist und ich werde mich nicht ablichten lassen oder mit ihm auf ein Podest gehen. So muß man m. E.mit diesen Leuten ummgehen.
Unsere Antwort:
Wir haben über die Frage diskutiert, ob wir Jan Voigt in die Aufzählung aufnehmen, gerade weil wir natürlich genau um sein Dopingvergehen wussten und wissen, und dass er zwei Jahre gesperrt war. Wir haben uns dann ganz bewusst dafür entschieden und ihn nicht als leistungsstark sondern „prominent“ deklariert. Das ist er sicherlich, wenn auch in negativer Hinsicht.
Damit haben wir die Kritiker nicht überzeugt, und man kann sicherlich auch diskutieren, ob der Begriff „prominent“ richtig gewählt war. Aber ist es wirklich richtig, einen Dopingbetrüger dauerhaft und „auf ewig“ so zu brandmarken? Auch wenn seine Sperre abgelaufen ist? Soll er keine zweite Chance bekommen?

Zitat

25. August 2008

„Natürlich will man Sportler, die solche Erfolge bringen wie Phelps und Bolt, im Team haben“, sagte Michael Vesper und der Generaldirektor des DOSB ergänzt:  „Die Unterstellung, jeder, der schneller ist als ich, muss gedopt sein, finde ich falsch. Bis zum Beweis des Gegenteils kann man skeptisch sein, aber man darf niemanden verurteilen aufgrund eines Generalverdachts.“

1.) Ich will keine solchen Sportler.
2.) Die Unterstellung, jeder, der schneller ist als ich, muss gedopt sein, hat niemand gemacht.
3.) Wer so läuft wie Bolt und so schwimmt wie Phelps, muss nachweisen, dass er nicht gedopt ist. Dies folgt aus der Erfahrung der letzten Jahrzehnte mit derlei Superathleten. Wie oft sind beide überprüft worden? Was wurde worauf durch wen untersucht?
4.) Wer will Dampfplauderer an der Spitze des DOSB?

Bronzezeit

24. August 2008

Für die deutschen Leichtathleten ist in Peking die Bronzezeit angebrochen. Es ist also gut, dass jetzt engagiert und heftig diskutiert wird, welche Konsequenzen die deutsche Leichtathletik aus ihrer historischen Niederlage ziehen muss.


Ich erinnere mich an die 70er Jahre. Als junge Mittelstrecklerin war es damals überhaupt das Größte, bei deutschen Meisterschaften in den Endlauf  zu kommen. Dann durfte ich anschließend zum legendären Berni Becks, der in seinem adidas-Lkw mit der Frage aufwartete: „Na Mädel, was brauchste denn?“  Bepackt mit neuer Sporttasche, Spikesschuhen, Trainingsklamotten und mehr verließ ich den Sponsorenwagen und war einfach glücklich. Das war zu der Zeit, zu der auch mein Landestrainer dieselben Fragen stellte und dann ein paar Tage später bei mir zuhause ein richtig großes Paket eintraf. Da war ich dann richtig stolz und meine Familie gleich mit.


Neue Spikes reichten kurz danach nicht mehr, und ich musste mit dem Leistungssport aufhören, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach meiner Ausbildung zur Gymnastiklehrerin stand ich mit 19 Jahren in der Schule und hatte 28 Stunden pro Woche zu unterrichten. Da war ich abends nur noch platt und außerstande, sechs, acht Trainingseinheiten pro Woche abzuliefern. Damals gab es eben überhaupt keine gesponserten (halben) Stellen bei voller Bezahlung. Noch später wurden die Athleten dann vom DLV in „Kader“ eingeteilt und bekamen etwas Sporthilfe, wenn sie Glück hatten. Schon das K-Wort fand und finde ich schrecklich. Es gab dann außerdem nur noch für A-Kader Unterstützung, die in den B-Kader sortierten Athletinnen und Athleten  waren viel, viel weniger wichtig und über die C-Kaderathleten  wurde nicht einmal mehr gesprochen…


Das ist heute immer noch so: Nach großen Erfolgen im Juniorenbereich, gelingt es trotz A-. B- und c-Einteilung wie vor 30 Jahren dem DLV nicht, seine jungen Athleten an die internationale Spitze heranzuführen. In den letzten zehn Jahren sind beispielsweise aus meinem kleinen Verein LG Emstal Dörpen zwei hoch begabte junge Topathleten ausgestiegen: Hochspringer Hannes Zumsande und Mittelstrecklerin Stephanie Thieke – beide deutsche Jugendmeister in ihren Disziplinen- hatten mit nicht einmal 20 Jahren die Nase voll von all der Schinderei. Sie sahen als Athleten darin keine Zukunftsperspektive. Wer berufliche Karrieren der Leichtathletik wegen auf später verschiebt und sich auf den Sport konzentriert, beeinflusst seinen weiteren Weg weiß Gott nicht nur positiv. Er weiß zwar, weshalb er sich quält, aber neben dem Anreiz braucht er auch einen finanziellen Ausgleich, wie Blogger Daniel Kumelis  richtig analysiert. Junge Leichtathleten, die enthusiastisch den Sport zu ihrem Beruf machen, benötigen finanzielle Sicherheit, wie sie jeder Vertragsfußballspieler schon in der 4. Liga hat, von Fußballprofis ganz zu schweigen (die übrigens längst nicht so viel an Training investieren wie Leichtathleten). Aber diesen Ausgleich gibt es nicht, von den wenigen Sportsoldaten und einigen wenigen halben Stellen bei voller Bezahlung einmal abgesehen. Sponsoren werden also gebraucht, doch sie fehlen, weil sie scheinbar nichts für ihr Geld bekommen. Im Gegenteil: 
Allenfalls Zweifel einer kritischen Öffentlichkeit ernten die Leichtathleten, wenn sie Topleistungen abliefern. Der „Witz-Bolt“ (Originalzitat Dieter Massin) aus Jamaika hat daher in Peking seinen Teil dazu beigetragen, dass der Ruf der Leichtathletik weiter ruiniert worden ist.


„Wir stehen für einen ethisch verantwortbaren Leistungssport“, setzt  Deutschlands Leichtathletik-Chef Prokop dem entgegen.
Dafür bekommt er viel Applaus aber eben noch längst kein Geld. Ein Teufelskreis, so scheint es.

Die deutsche Leichtathletikfamilie muss daher zusammenrücken, sonst ändert sich nichts. Das fordert zunächst Respekt vor allen Leistungen, egal ob es die Altersklasse W16 oder W60 ist. Respekt seitens der Funktionäre, der Trainer und der Aktiven vor den Leistungen anderer, das hat in der Vergangenheit oft gefehlt. Ohne den Respekt vor allen Leistungen und Erfahrungen in den eigenen Reihen wird sich jedenfalls kaum etwas ändern, schon gar nicht die öffentliche Wahrnehmung. Die Leichtathleten müssen also  zusammenstehen!


Zweitens ist die Bundesrepublik aufgefordert, viel mehr (öffentliches) Geld in die Hand zu nehmen, wenn sich in der „Kernsportart“ der Olympischen Spiele etwas ändern soll. Das Vereinigte Königreich ist das Vorbild. Denn als die Briten vor acht Jahren in Sydney nur eine einzige Goldmedaille erringen konnten, gab es nach einer gründlichen und leidenschaftlichen Debatte  hohe zusätzliche Sportinvestitionen. Sie haben Wirkung gezeigt, ebenso wie neue Leistungszentren und das Engagement von Spitzentrainern nach dem Modell, das Australien für Sydney 2000 fit machte. Das große Ziel für 2012 – Platz vier im Medaillenspiegel – hat „Team GB“ bereits in Peking erreicht.

Konzentrieren wir uns! Brauchen wir tatsächlich die vielen, über die Republik verteilten Olympiastützpunkte? Brauchen wir wirklich 21 Landesverbände oder tun es auch vier? Es gibt ja auch nicht mehr Himmelsrichtungen. Bildet außerdem unsere Trainer besser aus. Ich glaube nicht, dass bei all den Forschungen und Trainingsneuerungen in den vielen anderen Sportarten ausgerechnet in der Leichtathletik alles schon bekannt ist.

Ach ja, und stellt mal wieder so einen Mann wie Bernie Becks an die Sportplätze. Nur eine Urkunde aus 120g-oder-weniger-Papier in die Hand ist zu wenig, um junge Menschen für die Leichtathletik zu begeistern und  ihre Leistungen sichtbar anzuerkennen.


Auch die deutschen Leichtathleten könnten so ihre hausgemachte Bronzezeit schneller überwinden, als viele Skeptiker glauben. 

Kreolisch

17. August 2008

Gestern habe ich das 100m Finale der Männer in Peking gesehen mit dem „Ich-hör-schon-mal-bei-80m-auf-Sieger!“ und heute das der Frauen mit der „Schneeketten„-Siegerin. Danach habe ich mich auf wikipedia über Jamaika informiert und dort gelesen:

Neben der Amtssprache Englisch wird Jamaika-Kreolisch (auch Patois genannt) gesprochen, eine Kreolsprache mit englischen Wurzeln, die in Europa vor allem durch Hip-Hop und Reggae bekannt wurde. Viele Einwohner beherrschen beide Sprachen und vermischen sie zu regionalen Dialekten.

Bei leo.org, dem legendären online-Wörterbuch, fand ich anschließend keine Antwort auf die Frage, die mich jetzt zwei Tage  beschäftigt. Offenbar gibt es den Begriff, den ich suche, nicht in der englischen Amtssprache, aber doch bestimmt in Patois !

Also, was heißt bitte „Apotheken-Umschau“ auf kreolisch?

Muster

14. August 2008

Ich lese eine Presseerklärung von PHOENIX. Danach hat sich der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt kritisch zur Weltrekordflut der Schwimmer bei den Olympischen Spielen in Peking geäußert. Es „müssen noch andere Faktoren“ als Trainingstechnik, verbesserte Schwimmanzüge oder weicheres Wasser eine Rolle spielen, sagte Seppelt. Die Aussagekraft von Dopingkontrollen während der Olympischen Spiele nannte Seppelt ein „Muster ohne Wert“, da Kontrollen im Wettkampf und in der unmittelbaren Vorbereitung „nicht viel Aussagekraft haben“ könnten. „Wer sich auf Olympische Spiele vorbereitet, im Training, der dopt zu diesem Zeitpunkt, aber der ist nicht so blöd und lässt sich bei den Olympischen Spielen erwischen“, so Seppelt.

Das ist in der Altersklasse genau so, denke ich. Warum sollte es in den Altersklassen der Leichtathletik keinen übertriebenen Ehrgeiz, keine Unfairness und keinen Geltungsdrang geben? All dies führt zu Dopingbetrug.

Mit Blick auf die Dopingtests bei nationalen und internationalen Mastersmeisterschaften frage ich mich, wie das Antidopingsystem in der Seniorenleichtathletik besser werden kann. Es wird in jedem Fall teuer werden, zu teuer. Ich fürchte, am Geld scheitert jede wirkliche Verbesserung.

Gut verpackt

5. August 2008

Ab der 4×4 W55 (oder W50?) gab es für jede der drei Siegerstaffeln in Ljubljana nur eine Medaille und jeweils drei Staffelathleten gingen leer aus. EM-Organisationschef Edvard Sega erklärte in einer kurzen Rede, die Auszeichnungen (und Urkunden) seien leider gestohlen, entschuldigte sich zerknirscht und versprach hoch und heilig, man werde die Medaillen nachprägen lassen und sofort den Federationen zusenden. Das Nachprägen ist jetzt nicht mehr nötig. Denn die Medaillen sind da. Er hat sie selbst gefunden.
Edvard Sega als alleiniger EVACS-Organisationschef wollte vieles und übersah folgerichtig manches, auch dass die restlichen Medaillen und Urkunden für die Staffeln gut verpackt in seinem Zimmer standen. Am Morgen nach der Meisterschaft fand er die verschwundenen Medaillen. Zu spät für viele  Athleten, die ein wenig traurig nach Hause fuhren.
Insgesamt haben aber in Ljubljana  EVAA und die lokalen Organisatoren (LOC) gute Arbeit gemacht.  Wie sehr das LOC bemüht war, für die Athleten zu arbeiten, zeigte Brane Tome als Sekretär: Noch am Abschlussabend fuhr er die meisten Hotels an, in denen die Delegationsleitungen untergebracht waren, und lieferte die Ergebnisliste des letzten Tages ab.

ps Hat eigentlich jemand gesehen, wo wir die Resultate des Marathonlaufs finden können?

Vergebung

1. August 2008

Ich bitte um Vergebung.

Zwar habe ich dieses Mal den Laptop dabei und auch das drahtlose Netzwerk im Stadion funktioniert einwandfrei (man muss eben nur den Einschaltknopf am Laptop betätigen). Aber ich habe schlicht keine Lust, tiefschürfend über die Wettbewerbe dieser EM zu schreiben, die im Vergleich mit früheren Europameisterschaften auch freundlich („Hallo, Potsdam!“) und gut („Hei, Italia!“) im wunderschönen und preisgünstigen („Hej, Aarhus!“) Ljubljana organisiert ist. Denn es ist heißer Sommer in Slowenien und ich hab’ Urlaub und eben keine Lust. Also keine großen und kleinen Artikel über

  • Guido Müllers gezerrte Sehne („Gemach’ Heinz Engels, er läuft wieder, locker und flott“),
  • den geduldigen vierfachen Umzug von DLV-Physiotherapeut Thorsten Beckemeyer mit Liege und allem Gerät,
  • Klaus Goldammers klugen Ausstieg aus den 5000m, als der Körper rebellierte,
  • den folgenlosen Hürdenfehlstart von Rolf Geese im Vorlauf, den er gelassen wegsteckte, und den Tritt in die 8. Hürde von Konkurrent Dieter Tisch im Finale, der diesen den sicheren Sieg und fast auch noch das hochverdiente Silber gekostet hätte, weil „Di-ä-ter“ (Stadionsprecher Josef Antentas) sich so ärgerte und auf den letzten Metern gar aufhörte zu laufen,
  • den deutschen Abend („ohne Freibier!“),
  • die abgeschaltete Anzeigetafel, deren Informationen den Zuschauern gut getan hätten,
  • die 5-Kampf-Silbermedaille des sportlichen Zwillingsbruders unseres Schweizer Korrespondenten Josef Signa (O-Ton: „Genau“),
  • die guten deutschen Mittelstreckler (in Posen noch ganz anders),
  • die Weigerung der disqualifizierten Schweizer W80-Geherin Marianne Dahinden („Sie heißt wirklich so!“) endgültig und endlich aus dem Wettkampf zu gehen (weil „Ich hab doch bezahlt!“) ,
  • das noch immer nicht von mir dem „1st-Class-Fotografen“ Tom Philipps ausgegebene Bier,
  • den Streik des Taxifahrers, sein Fahrzeug an die Seite zu fahren, damit Merlene Ottey zu ihrer Trainingsgruppe slowenischer Athleten ins Stadion gelangen konnte (Merlene Ottey setzte sich schließlich durch),
  • die Hochzeit von Kalli Fluckes Sohn und ihren Einfluss auf das deutsche Betreuerteam,
  • die Tüte in der Hand von EVAA-Präsident Dieter Massin, der als Safetyjudge beim Straßengehen auch den Abfall einsammelte,
  • die Grundstellung von Siegerehrungschef Pekka Kurkki bei jeder Nationalhymne plus Fußwippen beim Ertönen der italienischen Hymne (nur bei der),
  • den starken Auftritt des Pforzheimer Gehers Otto Schwab im 20km-Gehen zwei Monate vor seinem 80. und seine Enttäuschung, dass ihm trotzdem die Medaille versagt blieb,
  • die erfolgreichn Vertragsverhandlungen mit unserer neuen italienischen Korrespondentin Rosa Marchi („Benvenuti, Rosa!“)
  • die Schweizer 3fach-Weltrekordlerin Christine Müller (W50) im LCZ-Zürich-Bulli vor dem Stadiontor, mit Freund Dieter und fünf briefträgerfeindlichen Hunden,
  • und überhaupt das tolle Sportzentrum von Ljubljana: Alles im Umkreis von 2 Minuten!

Ich hab’ eben Urlaub und erst, wenn ich nächste Woche wieder im Lande bin, werde ich das Schatzkästchen deutscher Lokalzeitungen öffnen und dadurch die verehrte Leserschaft informieren. Also, Vergebung!