Stundenlang

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DieFrankfurter Rundschau kommentiert die aktuellen Äußerungen von Helmut Digel:

Wie damals

Von Jürgen Ahäuser

Biathlon ist der Deutschen liebste Sportart im Winter. Rund um die so erfolgreiche Lach- und Schießgesellschaft streuen die öffentlich-rechtlichen Sender den Zuschauern noch stundenlang weiter Eis und Schnee in die Glotzaugen. Rodel und Bob sind, was den Unterhaltungswert der Bilder angeht, ungefähr so spannend wie früher die Testbilder, die einen gelegentlich im Schlaf erschreckten. Es ist nicht immer leicht zu erklären, warum eine Sportart, die eben noch im Dornröschenschlaf lag, plötzlich zum Quotenbringer wird.

Der Winterzweikampf ist aber geradezu das Lehrbeispiel dafür, wie eine Erweckung funktionieren kann. Helden und Heldinnen braucht das Land – die liefern Biathleten und -athletinnen (Rodler auch) in so atemberaubendem Tempo, dass zu Hause schon mal der Überblick verloren gehen kann. Außerdem haben die Skijäger ihre Sportart zuschauerkompatibel aufgepeppt. Um Magdalena Neuners Schießprügel wackeln zu sehen, braucht niemand ein Fernrohr. Acht Stunden Winterspaß am laufenden Band, in den Sendern, die sich den Kultur- und Erziehungsauftrag als Feigenblättchen ins Programm heften, aber nur ein paar Kameraschwenks von der Hallen-Leichtathletik-WM

Die Galle kommt Helmut Digel aber erst recht bei dem Gedanken hoch, dass ARD und ZDF sich nicht schämen, „Profi-Boxen in widerlicher Weise zu inszenieren“. Weit schlimmer noch als der Professor für Sportsoziologie und ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes konstatiert, ist die Schamlosigkeit, mit der die meist blutigen Spektakel ausgerechnet in den selbsternannten Flaggschiffen des Nachrichtenjournalismus tagelang vorher promotet werden.

Dem Tübinger Gelehrten muss niemand erklären, wo der Schuh bei den derzeitigen Leichtmatrosen des deutschen Sports drückt. Würde jemand auf der Straße nach bekannten Leichtathleten fragen, die meist gegebene Antwort wäre wohl: „Ich kenne keinen.“ Es fehlen Gesichter, mit denen die Zuschauer Emotionen und Erfolge verbinden. Und: die Leichtathletik kommt immer noch so daher wie einst im griechischen Olympia. Stundenlang Hochsprung schauen macht halt doch verdammt müde.

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