Philipp Frech

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Was haben Alt-Bundespräsident Richard Karl Freiherr von Weizsäcker (*15.04.20), Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki (*02.06.20) und Werfer-„Dino“ Philipp Frech (*06.07.20) vom Pulheimer SC gemeinsam?

Sie allesamt hatten das Glück, dass ihre Eltern unversehrt den 1. und sie selber den 2. Weltkrieg überstanden haben. Ansonsten hätten sie Anno Domini 1920 nicht das Licht der Welt erblicken und in der genannten Reihenfolge 2010 einen veritablen Geburtstag feiern können. Nämlich die Vollendung des 90. Lebensjahres. Ferner sind sie unisono mit einer beneidenswerten geistigen Frische gesegnet. Aber eines hat „unser“ Philipp seinen zwei etwas berühmteren Mit-Jubilaren garantiert voraus: Was die körperliche Fitness angeht, steckt er sie locker in die Tasche. Jede Wette! Trotz eines künstlichen rechten Kniegelenkes seit 1995.

Alt zu werden ist angeblich kein Verdienst, sondern eine Gnade. Das bestreitet Philipp entschieden. „Natürlich müssen die genetischen Voraussetzungen stimmen“, räumt er ein. „Aber jeder kann in vielerlei Beziehung eine Menge für sich und seine Gesundheit tun.“ Seine Lebensmaxime lautet: Wer rastet, der rostet. Oder als echte kölsche Jong: Von nix kütt nix. Den Spruch „No Sports“ von Sir Winston Churchill hält er logischerweise für blanken Unsinn. Sein Credo: Viel Sport, darunter jeden Tag eine halbe Stunde Gymnastik und mehrmals die Woche im 30 Grad warmem Wasser des Erlebnisbades in Dormagen 500 Meter schwimmen. Fit hält den (Wieder-)Junggesellen, der drei Töchter und einen Sohn hat, zudem die eigene Bewirtschaftung seines schmucken Hauses in Pulheim und dass er täglich für sich sowie gelegentliche Besucher mit frischen Zutaten kocht.

Der Mann ist schlichtweg faszinierend. Wenn er aus dem Nähkästchen seines prallen Lebens plaudert, kann man ihm stundenlang gefesselt zuhören, ohne dass es auch nur eine Sekunde langweilig würde. Bücher füllend. Platz, den wir leider nicht haben. Deshalb gerafft und gestrafft: Klein-Philipp wurde als sechster von acht Sprösslingen (sechs Jungs, zwei Mädchen) in Köln geboren, betrieb von Kindesbeinen an Sport beim damaligen TV Kalk. Als studierter Maschinenbau-Ingenieur war er während des Krieges in der Luftfahrt-Forschung tätig und deshalb vom Militär-Dienst freigestellt. Als das soldatische Personal jedoch immer knapper wurde, schickten sie ihn auf dem letzten Drücker noch auf die Offiziersschule und schließlich als Fähnrich an die Ostfront. In seinem Rucksack befand sich neben dem obligatorischen Essbesteck stets auch ein Diskus. Später geriet er in russische Gefangenschaft, büchste beim dritten Versuch erfolgreich aus und kehrte schon im Juni 1945 nach Köln zurück. Von einem im Krieg gefallenen älteren Bruder übernahm er die Spedition. Zunächst nur einen LKW, ein ausgedienter Wehrmachtslaster mit Panzerketten auf der Hinterachse. Mit gerade 25 war er seinerzeit der jüngste Unternehmer der Domstadt. Klar, dass er höchst persönlich auf dem Bock saß. Durch Geschick und Weitblick baute er die Firma sukzessive aus. In der der Blütezeit rollten unter seiner Flagge 15 Fernverkehrslastzüge gleichzeitig auf bundesdeutschen Straßen. Als Not am Mann war, chauffierte er 1994, also 74-jährig, einen 42-Tonner von Passau nach Köln. Das war selbst dem WDR-Fernsehen damals einen Beitrag wert.

Derweil sich Otto Normalverbraucher mit 75 nach einer schnuckeligen Senioren-Residenz umschaut, falls er denn über das nötige Kleingeld in großen Scheinen verfügt, startete Philipp Frech noch einmal so richtig durch. Er kaufte sich 1995 in False Bay (Südafrika) am indischen Ozean, in unmittelbarer Nähe vom Kap der guten Hoffnung, da wo sich atlantischer und indischer Ozean „küssen“, eine Eigentumswohnung in einer Anlage mit traumhaftem Ausblick aufs Meer. Seither verbringt er dort als eine Art ständiger Sonnenkönig die Monate November bis Mai, geht mit Delphinen und Pinguinen schwimmen, surft vor der eigenen Haustüre auf dem Wasser und dahinter im Internet, erkundet mit seinem PKW das wunderschöne Land sowie deren überwiegend herzliche Bevölkerung. Schlappe 20.000 Kilometer hat er sich im letzten Halbjahr bei original britischem Linksverkehr unter die Räder genommen. Mit 89. Nicht Tempo, sondern Jahren. Da legs die nieder.

Nachvollziehbar, dass sein geliebter Sport während der selbstständigen Tätigkeit zu kurz kam. Erst ab 1986 hat er wieder intensiver trainiert. Die Erfolge stellten sich rasch ein. Bereits 1989 verbesserte er trotz eines Salto nullos im Stabhochsprung den deutschen Rekord im Zehnkampf der M 65. Es folgten 16 DM-, fünf EM- und fünf WM-Titel, vornehmlich mit dem Diskus. Dazu wurde er einmal Vize-Weltmeister im Zehnkampf, warf etliche deutsche Diskus-Rekorde in verschiedenen Altersklassen. Bei seinen ausgedehnten Aufenthalten auf dem schwarzen Kontinent gewann er 46 (!) Goldmedaillen in den fünf Wurfdisziplinen sowie im Werfer-Fünfkampf bei Afrikanischen und Südafrikanischen Meisterschaften der Masters. Exakt dieses stramme Programm wird er in diesem Monat bei der Senioren-EM in Ungarn als international echter M90er bestreiten. Nebenbei bemerkt wiegt seine komplette Medaillen-Sammlung elf Kilogramm. Allerdings ist seine  Lieblingstrophäe ein Diskus, den er von Weltrekordler Jürgen Schult geschenkt bekommen hat und der von ihm sowie etlichen anderen Weltklasse-Diskuswerfern wie Lars Riedel mit jeweiliger Bestleistung versehen signiert wurde.

Seinen Ehrentag beginnt der umtriebige (Un-)Ruheständler bei einem von einigen Klubkameradinnen bereiteten Frühstück. Gefeiert wird indes häppchenweise mit den unzähligen Sportfreunden, die er ohnehin nicht alle an einem bestimmten Tag zusammen bekäme. Schließen wir uns den PSC-Damen an, sagen artig und aufrichtig:

Herzlichen Glückwunsch, lieber Philipp! Womöglich reiht sich Noch-Landesvater und „Nachbar“ Jürgen Rüttgers in die Gratulantenschar ein.
Axel Hermanns, www.lampis.net

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