Zentralkomitee

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Das Zentralkomitee, abgekürzt ZK, gehört im Machtgefüge kommunistischer Parteien zu den obersten Entscheidungsgremien. Es tagt nicht ständig, aber wenn es -hinter verschlossenen Türen- getagt hat, darf die erstaunte Öffentlichkeit anschließend mit ehrfürchtig-gruselndem Erstaunen die Beschlüsse erfahren. Nie ist so ganz klar, wer eigentlich was auf den Weg gebracht hat. Klar ist nachher nur, was hinten dabei herausgekommen ist.

Der DLV hat kein Zentralkomitee. Er hat den Verbandsrat. Der tagt ebenfalls (Gottseidank!) nicht ständig und immer hinter verschlossenen Türen. Nie ist so ganz klar, wer eigentlich was auf den Weg gebracht hat. Klar ist nur, was dabei herauskommt. Das wird stets anschließend verkündet, wenn auch oft tröpfchenweise und viel später. Für den Außenstehenden ist es undurchschaubar. Das DLV-Gremium ist eine prädemokratische Verbandsorganisation, von der man nicht einmal auf der offiziellen Seite des DLV im Internet nachlesen kann, wer in ihm Sitz und Stimme hat. Dazu muss man das DLV-Jahrbuch bemühen.

Dieser DLV-Verbandsrat hat am Freitag in Leipzig getagt. Wie praktisch: So haben sich seine Mitglieder die Anreise zu den Deutschen Hallenmeisterschaften bezahlen lassen können – im Zweifel nebst mit im Fahrzeug sitzenden Ehegatten. Dann haben sie  ganz im Geheimen beschlossen,  die deutsche Seniorenleichtathletik ab dem kommenden Jahr 2012 der Altersklassen M/W30 und M/W 35 zu berauben und die deutsche Mastersleichtathletik erst zehn Jahre später mit der Altersklasse M/W 40 beginnen zu lassen. In allen anderen Ländern der Welt beginnt die Seniorenleichtathletik mindestens ab M/W 35. Der Grund ist einfach: So werden aus aktiven Leichtathleten übergangslos aktive Seniorenleichtathleten. Jetzt verordnet hierzulande der DLV allen eine Zwangspause, die mit 30plus nicht so gern hinterher laufen, springen und werfen wollen.

Wir lesen hier in einem Beitrag der Vorsitzenden des Bundesausschusses („BA“) Senioren Margit Jungmann, dies sei mehrheitlich beschlossen worden und der DLV-Vize, sie selbst und irgendwie alle seien sehr traurig.  Aber warum, liebe Margit Jungmann, hast Du nicht vorher Alarm geschlagen?  Warum hat Dein BA nicht gegen dieses Vorhaben mobilisiert? Vor drei Wochen, bei der Senioren-DM in Erfurt hättet Ihr dazu Gelegenheit und Unterstützer ohne Ende gehabt.

Warum sind in Leipzig nicht DLV-Vizepräsident Dr. Matthias Reick, alle  Mitglieder des  BA Senioren und ebenso die Seniorenwarte der DLV-Landesverbände aufgestanden und haben gesagt: „Wenn Ihr Ignoranten dies beschließt, treten wird geschlossen zurück!“ Aus diplomatischen Gründen hättet Ihr sogar den Begriff „Ignoranten“ weglassen können.

Klebt Ihr etwa so an Euren Ämtern? Seid doch ehrlich: Der Leipziger ZK-Verbandsratsbeschluss macht Euch doch zu dummen Statisten und Euere Arbeit für die Seniorenleichtathletik zu einem Witz. Warum agiert Ihr nicht gegen Funktionäre, die Gegner der Seniorenleichtathletik sind und arrogant von oben herab und ohne jede Kenntnis der Menschen, die Seniorenleichtathletik treiben, Grundlegendes und Sinnvolles zerschlagen, denen internationale IAAF-Regeln wurscht sind und die Euch auch noch Eueren selbst gesetzten, aktuellen Arbeitsschwerpunkt aus der Hand schlagen, den Übergang von der Hauptklasse in die Mastersleichtathletik? Diese Funktionäre lachen ganz offensichtlich über Euch und alle Seniorenleichtathleten. Der DLV, längst und amateurhaft gescheitert im Kampf um öffentliche Anerkennung, TV-Übertragungen und Stadionrundbahnen  tritt dem Bereich zwischen die Beine, der der erfolgreichste der deutschen Leichtathletik ist. Ist ihm der dauerhafte Erfolg seiner Masterssportler, sind ihm die Seniorenleichtathleten etwa peinlich?

Kein Seniorenleichtathlet hat vergessen, mit welcher unsäglichen Tolpatschigkeit dieser DLV-Präsident Dr. Clemens Prokop vor dem Deutschen Bundestag behauptete, bei den Senioren seien 80% gedopt (und erst nach Tagen und allenfalls halbherzig von seiner Unverschämtheit abrückte). Er ist -wie die meisten der Abstimmenden im Verbandsrat- ein alternder Funktionär ohne jeden tatsächlichen Bezug zu denen, die in seinem Alter immer noch aktiv Leichtathletik machen.

Mit ihm hat sich der Verbandsrat des DLV von der sportlichen Lebenswirklichkeit seiner Aktiven entfernt. Deshalb sollte er bei seiner nächsten Tagung, die auch wieder hinter verschlossenen Türen stattfinden wird,  zwangsweise  den einzigartigen Dokumentarfilm „Herbstgold ansehen müssen. Damit die Herrschaften jedenfalls die Chance haben zu verstehen, um was es bei der Seniorenleichtathletik geht. Und wenn im Film der Schwede Herbert Liedtke nach seinem 100m-WM-Finale spricht, dann sollten Sie ganz genau hinhören. Er kommentiert nämlich in Wahrheit nicht sein Abschneiden sondern diesen seltsam-anachronistischen Leipziger Beschluss…

Robert Koop

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9 Antworten to “Zentralkomitee”

  1. Klaus Lange Says:

    Es ist unglaublich, was in den Köpfen von Menschen alles so abgehen kann.
    Schade um eine wunderschöne (Herbst-) goldige Bewegung, die nun gänzlich den Bach herunter geht.
    K.Lange

  2. Kurt Kaschke Says:

    Lieber Robert,

    mein Augen lasen den Beschluss, aber mein Geist konnte dies nicht erfassen.
    Jetzt lese ich über den Rücktritt von Wolfgang Ritte und warte darauf, dass der gesamte Senioren Auschuss zurück tritt, denn dies wäre die Konsequenz, wenn die berufenen Mitglieder den Sport im Auge hätten und nicht ihren Posten …

    Danke für deinen absolut korrekten Kommentar zu diesem Thema.

    Kurt

  3. pino pilotto Says:

    Der Beschluss ist unklug, reaktionär und verachtend.
    (Was aber, lieber Robert, tut hier die Assoziation zu Kommunismus und ZK? Es geht doch kein Gespenst um, vor dem Du dich zu fürchten hättest? -Ich lese in einem anderen Blog einen Vergleich zum unsäglichen Sarrazin. Fällt euch nichts anderes ein? Wie wär’s mit Ghadhafi? Also, was soll der nebensächliche Quatsch?
    Kritik, Sachlichkeit, Polemik und Satire, wie im übrigen Teil des Blogs, tut Not).
    Konsequent, klug und kohärent reagiert Wolfgang Ritte. Ein Beispiel eben, wie man es von ihm gewohnt ist. Andere wären auch klug, würden sie seinem Beispiel folgen.

  4. Peter Krause Says:

    Wolfgang Ritte hat mit seinem Entschluß zwar das sinkende Schiff verlassen, hat aber eine konsequente Gradlinigkeit an den Tag gelegt. So kennt ihn jeder und deswegen wurde er auch der Sprecher aller Aktiven. Einen solchen Schritt hätte man von mehr Ausschußmitglieder erwarten müssen.
    Wieder einmal befindet sich der Bundesausschuss der Senioren in der Auflösungsphase.

  5. Elke Timm Says:

    Was für ein Schwachsinn……
    ich kann den Rücktritt von Wolfgang Ritte nachvollziehen. Mit so einem
    selbstherrlichen Verband könnte ich auch nicht zusammenarbeiten.
    Was bilden sich die Damen und Herren vom DLV eigentlich ein?
    Sollen die Senioren ab 30 nur noch trainieren und Beiträge zahlen,
    damit die Funktionäre kostenfrei reisen und sich präsentieren können?
    Armes Leichtathletik-Deutschland.

  6. Karl Neumann Says:

    Ich möchte Pinio Pilotto nicht ärgern, wenn ich nun auch noch mit Friedr. Schiller komme und diesen zitiere mit „Spät kommt ihr, aber ihr kommt!“
    Damit meine ich, dass die Leute um Jung-/Erdmann jetzt endlich verstehen, was sie im Herbst 2010 schon hätten verstehen müssen. Schon damals war das unbegreifliche Papier von Frank O. Hamm bekannt und keiner, weder die Seniorenwarte, die immer noch den Schlaf des Gerechten schlafen, noch der Bundesausschuss hat Lobbyarbeit betrieben und jetzt fordern Jung-/Erdmann alle auf, tätig zu werden. Hallo, was soll das? Was habt ihr vom Herbst letzten Jahres bis jetzt gemacht? Was, bitte schön? Was und nochmals was?

  7. Weia Reinboud Says:

    Ein sehr merkwürdiger Entschluss. Die 30-er, das kann – aber anders als die ganze Welt entschliessen? Die 1-Januar-Regel abschaffen hat wohl besser gewesen.

  8. Hans-Joachim Grande Says:

    „Lebenslang Sport treiben“; „Sport tut Deutschland gut..“ und ähnlichen Quatsch lese ich von riesigen (teuren) Plakaten des Deutschen Sportbundes.Wie steht denn unser DLV, als Mitglied des Sportbundes zu diesen Aussagen.Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man sagt, dass der Übergang von Leistungsport zum Seniorensport vielen Aktiven nach der Schinderei und den Problemen bei der Eingliederung in das zivile Berufsleben noch weiter Sport zu treiben, sehr schwer fällt. Der Anreiz dafür ist durch den Beschluß des DLV nicht mehr vorhanden.
    Ich bezweifle stark, das die Mitglieder des Verbandsrates geistig die Auswirkungen auf die Leichtathletik insgesamt erfassen können bzw. wollen.Wenn der DLV auf die Reaktion der Senioren nicht reagiert,sollte auf eine Verweigerung von Unterstützungsmaßnahmen der Senioren (Kamprichter, Übungsleiter u.ä.)gegenüber dem DLV nachgedacht werden.

  9. Marcel Schulz Says:

    Liebe Sportlerinnen und Sportler (egal, ob Seniorenklasse oder nicht)!

    Eben noch vergnügt meine Mail gelesen, sitze ich nun wie ohnmächtig vor meinem Rechner.

    Vor einem halben Jahr habe ich wieder mit dem Leichtathletiktraining begonnen. Ich werde dieses Jahr 32 und sah in den Bestenlisten, dass mit einigem Training auch wieder ein wenig Erfolg möglich wäre. Dieser ist meiner Meinung nach neben den Aspekten Fitness / Gesundheit und der Gemeinschaft ein ganz wesentlicher Grund für ein Training, dass 4-5 mal pro Woche betrieben wird.

    Jetzt lese ich, dass ich erst in 9 (in Worten: neun) Jahren an Wettkämpfen teilnehmen kann, bei denen ich nur hinterherhinke, weil ich bald 20 Jahre älter bin als die „jungen Männer“.

    Jeder der Verantwortlichen, der bei dieser Entscheidung mit „JA“ gestimmt hat, sollte dafür persönlich gerade stehen, denn die Folgen für die Leichtathletik werden verherend sein. Selbst ich überlege nun, das Training erstmal wieder auf Eis zu legen (zumindetstens im Leistungssportbereich).

    So erfahre ich eben noch, dass die Mehrkampfmeisterschaften der Senioren dieses Jahr ausfallen. Dies wäre der Wettkampf gewesen, auf den ich als Mehrkämpfer, der kein Spezialist ist, dieses Jahr hintrainieren wollte.

    Jeder Funktionär aus dem DLV-Verbandsrat sollte für solche Entscheidungen an den Pranger gestellt werden. Und alle, die uns Senioren vertreten, sollten alles daran setzen, dass dies auch in die Tat umgesetzt wird. Wenn ich diesen Leuten in irgendeiner Weise behilflich sein kann, werde ich das sehr gerne tun.

    Ein ganz herzlicher Gruß an alle Sportlerinnen und Sportler, die genauso traurig und fassungslos sind, wie ich
    Marcel Schulz

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