tittar på?

7. August 2011 by

Bilanz! Das Schlag- und Lieblingswort unseres nationalen Verbandes der Läufer, Springer, Werfer. Bilanz nach jeder Europameisterschaft, Bilanz nach jeder Weltmeisterschaft. Schnell und postwendend publiziert nach einem solchen Event und dabei wohl kalkulierend, dass das Kurzzeitgedächtnis bei Senioren nicht mehr so ausgeprägt ist und sie deshalb riechende Wander-Klosetts, fehlende Umkleideambiente und mangelnde Sitzgarnituren schnell vergessen. Auch kalkulierend, dass Kritik nicht über den großen Teich schwappt und daher nur in den eigenen Reihen der Organ-Spender verbleibt, also der 10-Euro-extra-an-die-Organisation-Zahlenden bei internationalen Starts. Wer vergrault sich auch gern Umarm- und Herz-Freunde aus Übersee?

Bilanzen zu nationalen Meisterschaften gibt es nicht, denn wer beschmutzt schon das eigene Nest und wer vergrault sich schon den nächsten Ausrichter? Da ist es wesentlich nahe liegender, Ausrichter im Ausland zu bewerten, Kleinigkeiten zum Aufreißer zu machen und den Mantel der Großzügigkeit hierzulande auszubreiten.

Der eigene Spiegel wird in Darmstadt nicht aufgehängt, geschweige in denselben gesehen. Obwohl ein international renommiertes Möbelhaus gerade ein Sonderangebot an Spiegeln feilbietet, Marke „tittar på?”, zu Deutsch: ”guckst du?”

Beim Bilanzieren der eigenen, nationalen Meisterschaften müsste längst auch einmal das Umfeld berücksichtigt werden. Nicht nur das Stadion mit seinen Anlagen, nicht nur das Angebot an Kaffee und Kuchen und auch nicht der Zeitplan und seine evtl. Verzögerungen. Nein, auch das Kampfgericht gehört mit in die Bilanz. Auch Beispiele wie jüngst in Minden. Ob nun das Lamento danach angemessen oder nicht, ob korrekt oder überzeugend war,  ist hier nicht die Frage. Ein Kampfrichter „Gerät“ (hier gleich mit „G“ notiert) stand und steht seit Minden im (möglichen) Konflikt zu seinen Kollegen von der nationalen und internationalen Wasserwaage.


Aus seiner Sicht handelte er korrekt und ließ seine Maßschablone als Maß aller Dinge gelten. Im Widerspruch zu Gerätekontrolleuren im In- und Ausland, die dem Wettkämpfer „Wurf“ (hier gleich mit „W“ notiert) das Streitobjekt mit dem Genehmigungsvermerk „gut“ versehen haben und hatten. Nach seiner Schablonen-Entscheidung hätte Kampfrichter „G“ Hilfe von außen gebraucht, also genau des Verbandes, der ihn ausgebildet hat und der ihn „an die Front“ schickte. Ein Verband, der selbstredend  die Aufgabe und Pflicht hat, seine „Richter“ ständig zu überprüfen und zu bilanzieren, ein Verband, der im Streitfalle eingreifen muss, um Ansehen von Personen und Meisterschaften zu schützen. Geschehen ist nichts. Bis heute: Nichts. Auch Wettkämpfer „W“ hätte Hilfe gebraucht, denn er hatte schließlich ein (international) korrektes Geräte vorgelegt.

Seit Minden gibt es zwei Fronten, die sicher nicht aus Daffke entstanden sind. Hier die Regelauslegung mit dem Werkzeug „Schablone“, dort ein Gerät, das international ohne Beanstandung erlaubt ist und damit auch Rekordlisten-fähig ist.

Nun, unser Verband hüllt sich in Schweigen, wartet auf die nächste (internationale) Bilanz-Meisterschaft, um den Organ-Spendern wieder Mut zur Teilnahme zu machen, verbunden mit der Hoffnung auf das Kurzzeitgedächtnis. Seit Minden aber stehen Kampfrichter „G“ wie auch Wettkämpfer „W“ allein auf weiterer Flur und warten wie weiland die bayerische Staatsregierung auf den Engel Aloisius  und auf die von ihm zu  übermittelnde göttliche Eingebung, die eines Tages unseren nationalen Verband der Läufer, Springer und Werfer heimsuchen wird, um Probleme zu lösen statt Verantwortung weiter zu schieben, „andere“ zu bilanzieren und brisanten Themen auszuweichen. „Halleluja, soag i“

Ein Ralf-Peters-Kommentar

Advertisements

Stück Metall

27. Juli 2011 by

Gefunden im Blog von Sprinter und Fotograf Tom Philipps (GB). So offen, persönlich  und ehrlich, wie ich Tom schätze. Und wissen Sie was? Er hat recht:

„Meine regelmäßigen Leser wissen, dass ich an den Seniorenweltmeisterschaften der Leichtathleten in Sacramento, Kalifornien, teilnehmen wollte – nach zwei Jahren, in denen sich dieser Mastersathlet mit Verletzungen und Depressionen herumschlagen musste. Inzwischen bin ich  seit ein paar Tagen von dort wieder zurück. Mir schwirren einige unsortierte Gedanken durch den Kopf. Der Jetlag ärgert noch meinen Körper und natürlich habe ich auch diese übliche Probleme mit dem Immunsystem nach Meisterschaften – also eine richtig fette Erkältung.

Aber ich hab ja mit meiner 4 x 100m-Staffel diese Silbermedaille gewonnen, die ich als Entschädigung für alles nehmen könnte. Ja, eine Medaille entschädigt tatsächlich für alles und ich freu mich wahnsinnig über sie, muss ich sagen. Nun soll nicht auch noch in diesem Blog auf die lokalen Organisatoren der WM in Sacramento geschimpft werden –obwohl ich das angesichts der vielen, einfachen und vermeidbaren Fehler in Sacramento  schon verdammt gern täte. Es genügt wohl festzustellen, dass sie’s –wie ich das sehe- versemmelt haben. Sie ließen ausgezeichnete Offizielle, Kampfrichter und freiwillige Helfer mit Konzepten und Vorgaben im Regen stehen, die einfach schlecht und voller Fehler waren. Dabei ist für mich auch  klar, dass die gastgebende Sac State Universität die Veranstalter regelrecht ausgenommen und bloß versucht haben, viele, viele Dollars mit der WM zu machen.

Andere werden das alles im Nachhinein besser kritisieren können. Oder sie stecken, wie World Masters Athletics, einfach den Kopf in den Sand und tun so, als ob nichts falsch gelaufen wäre. Es ist eben in den USA viel bequemer, die US-Athleten für ihre –vielfach tatsächlich – großartigen Leistungen zu bejubeln als zu schreiben, „die Organisatoren haben die WM vermasselt“. Dabei hatten die im Vorfeld erklärt, sie als Veranstalter hätten von den Fehlern bei früheren Meisterschaften gelernt. Aber es war ganz das Gegenteil! Die Organisatoren dieser WM haben tatsächlich so viele wirklich grundlegende, schwere Fehler gemacht, dass die Macher künftiger WM dann überhaupt keine Probleme haben werden, wenn sie bloß diese Fehler  vermeiden. Vielleicht sollten wir sogar alle wirklich dankbar dafür sein, dass die Organisatoren in Sacramento uns an den wirklich schalen Beigeschmack erinnert haben, der zurückbleibt, wenn man auf einfache, grundlegende Dinge geradezu schei…t.

4x100m M55 Tom Phillips, Tony Wells, Wally Franklyn, Trevor Wade v. lks

Vor allem für eine Tatsache habe ich wirklich überhaupt kein Verständnis. Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich von der Silbermedaille geschrieben habe, die ich nehmen  „könnte“. Nun erstmal, Gold wäre natürlich auch gut gewesen, aber die US-Staffel war an dem Tag einfach besser. Und sogar mit einer Bronzemedaille wäre ich zufrieden gewesen, weil die Australier uns so verdammt nah kamen. Aber heute habe ich in Wahrheit gar nichts, keine Medaille. Weil die Organisatoren es nämlich tatsächlich geschafft haben, dass keine Medaillen mehr da waren.

Das muss man einen Moment sacken lassen. Eine Gold, eine Silber, eine Bronze pro Wettkampf. Plus je vier davon für die drei besten Staffeln. Vielleicht noch ein paar Extra, wenn Athleten gleiche Leistungen erreichen. Jedes Schulkind könnte die Zahl der nötigen Medaillen an den Fingern abzählen – ganz ohne Computer. Und dann dieser Fehler! Bei einer internationalen Meisterschaft in einem Land, das von sich im Brustton der Überzeugung glaubt, wirklich alles zu kennen und zu wissen, was notwendig ist. Ja, es stimmt wirklich:  Einen Tag vor dem Ende der WM hatten sie keine Medaillen mehr.

4x100m WM Sacramento Staffelstab-Übergabe von Wally Franklyn an Tom Phillips (übrigens sehr weit) links 😉

Ich gebe zu, dass ich seit 2007 in diesen Dingen etwas vorgeschädigt bin. Denn bei meiner ersten Masters-WM in Riccione (Italien) habe ich in der Staffel wirklich alles gegeben und wir schlugen die USA. Wir hatten Gold, entgegen allen Prognosen. Als es dann aber zur Siegerehrung ging, machten die Offiziellen plötzlich eine ganz lange Mittagspause. Danach  wollten sie den Zeitplan wieder einholen und strichen deshalb einfach mal eine ganze Anzahl von Siegerehrungen. Da waren wir wirklich angefressen. Ich meine, dass war meine erste große Goldmedaille und diese bei einer Siegerehrung vor all meinen Freunden, Fotografen und den anderen Athleten überreicht zu bekommen, entschädigt für so vieles, was ich mir mit diesem verrückten Sport da antue und dass es sich doch lohnt und zu zeigen:  Hier gibt es diese Auszeichnung, und nicht nur für einen selbst. Ein bisschen Anerkennung braucht der Mensch. Das braucht man für sich einfach. Mit anderen Worten: ich brauchte diese Anerkennung für mich und meine Motivation. Auf dem Weg aus dem Stadion zum Bus bekamen wir die Medaille dann einfach so von einem Offiziellen in die Hand gedrückt  – das brachte es wirklich nicht.

Zwei Jahre später war dann in Finnland die Siegerehrung mit der Staffel ein großartiges Erlebnis. Sie entschädigte ein riesiges Stück für das deprimierende Erlebnis, in Lahti eine Einzelmedaille über 200m um ganze 2 Hundertstel verpasst zu haben. Wenn Sie in diesem Blog etwas zurück blättern, finden Sie die ganze Geschichte einschließlich des Zielfotos. Diese Staffelmedaille in Lahti erinnerte mich deshalb daran, niemals aufzugeben und an alle diese Weisheiten, die vielleicht abgedroschen klingen. Aber wenn man so viel wie ich in diese Sache investiert, wenn man immer wieder und meist allein trainiert, dann will man einfach allen, die in der Familie, als Mediziner, Physios und sonst wie dabei mithelfen, zeigen, dass auch sie es wirklich gut gemacht haben. Diese Anerkennung durch ein bloßes Stück Metall an einem Band ist viel mehr als die Summe einzelner Teile.

Witzigerweise sagte mir bei der Siegerehrung in Lahti meine innere Stimme: „Ist das jetzt so gut, wie es sich anfühlt? Kannst Du eigentlich damit umgehen?“ Ich konnte es nicht, wie mir meine Tiefs aufgrund von Verletzungen und anderen Dinge dann gezeigt haben. Zu der Zeit war es mir nicht bewusst, aber inzwischen weiß ich, dass ich diese negative Stimme einfach umdrehen und sagen muss: “Wenn das so geil ist, wie es sich anfühlt, war es verdammt gut.“

Vielleicht war es besser denn je. Vor Sacramento stand es jedenfalls 2:0 für uns gegen die Yankees. Ein Hattrick wäre nicht schlecht gewesen. Doch zunächst verletzten sich Big Geoff und Eric während der WM, aber Wally, Tony,  Trevor und ich waren doch noch ein ziemliches starkes Quartett. Aber die Amis starteten zuhause und mussten auch nicht halb um den Erdball anreisen. Und dann waren sie auch einfach schneller als wir. Dieses Mal.

Egal, aber einfach durch dieses Stück silberfarbenes Metall an einem Band, wollte ich sehen, fühlen und  hören, wie nah wir dran waren. Um zu wissen, dass sich all die Anstrengungen, die Schmerzen und der verdammt harte Einsatz (von mir und denen um mich rum) immer noch auszahlen und der Erfolg allemal ein verdammt guter Grund ist, weiterzumachen und es das nächste Mal wieder zu versuchen:  Schnellster sein.

Das aber haben uns die Organisatoren in Sacramento einfach geklaut – durch ihre schiere Naivität. Jetzt werden sie mir wohl die Medaille per Post schicken, natürlich. Aber dies ist ja nichts. Wie habe ich mich angesichts dessen gefreut, als die britischen Athleten und Fans bei der Siegerehrung im Chor „You’ll never walk alone“* sangen.

Keine Frage, die Medaille ist persönliche Anerkennung, doch sie würdigt auch die Leistung des ganzen Teams – am Tag des Erfolgs ebenso wie nach der Rückkehr zuhause. Seltsamerweise ist es das, was der Fehler der Organisatoren in Sacramento mir noch einmal klar gemacht hat.

Wolken haben Silberstreifen.“

—————–

* zum Beispiel so bei der M35

Fotos: (c) Tom Phillips -mehr von ihm in seinem Blog und über Twitter „tomsprints“

Übersetzung durch annettesseite – so gut es ging. Fehler bitten wir daher nachzusehen und sind für Korrekturen (bitte an annette (at) koop.de) dankbar 🙂

Rausschmiss

26. Juli 2011 by

Der Verbandsrat des DLV….nach eingehender Beratung zur Förderung des Seniorensports beschlossen, die Altersklasse der Senioren mit M/W 30 beginnen zu lassen“ So lautet die offizielle Verlautbarung des Pressesprechers des DLV, Peter Schmitt vom letzten Samstag.
Wie bitte, Herr Schmitt? Der DLV berät eingehend und fördert den Seniorensport ab M/W 30? Ist das Ihr Ernst?
Darf man Sie vielleicht darauf hinweisen, dass es diese M/W 30 bereits seit Mitte der Siebziger gibt und die seit dieser Zeit bereits gefördert werden?
Nur sieht Ihre ‚Förderung‘ nun so aus, dass die bisherige Regelung außer Kraft gesetzt wird und die M/W 30 nicht mehr an Deutschen Meisterschaften teilnehmen kann.
Ist das eine ‚Förderung‘ oder eine ‚Beförderung‘ im Sinne von Rausschmiss?
Für die M/W 30, die bis Ende Juni 2011 noch ihre eigenen Meisterschaften hatte, ist das ein klarer Rausschmiss und keine Förderung.

Ein Ralf-Peters-Kommentar

Kasseler Rippchen

25. Juli 2011 by

Das Bild ist bekannt: am Abend eines (politischen) Wahltages stehen sie alle vor der Kamera. Alle Sieger, denn einen Verlerer gibt es nie. Alle reden ihr Wahlergebnis schön und sehen trotz erheblicher Stimmverluste ihre Jahrzehnte lange Erfolgsarbeit bestätigt. Und alles wird mit Siegermimik, strahlend bis zerknirscht, dem Zuschauer preis getan.
So auch im DLV; nach dem „Leipziger Beschluss“ nun der „Kasseler Beschluss“. Nach dem ‚Leipziger Allerlei‘ nun das ‚Kasseler Rippchen‘, das kaum noch Fleisch hat. Und vor der virtuellen Kamera stehen (kalifornisch) sonnengebräunt die beiden Vertreter des Bundesausschusses ‚Senioren‘ und loben ihren Kompromiss, den sie dieses Mal nicht in nächtelanger Arbeit (siehe O-Ton nach Leipzig), sondern per transatlantischer Einflussnahme mit den 20 Landes- und Kurfürsten und dem Höchstleistungssport-orientierten Präsidium ausgehandelt haben. Die neue Kommunikationsvariante über den großen Teich zeigt und zeitigt in beispielhafter Form wie zum Wohle der Athleten gedacht und entschieden wird.
Die nun beschlossene internationale Regelung, gerade noch in den Staaten beim Weltverband in Regel und Anwendung gesehen, wird nun auch in Deutschland Einzug halten, nachdem vor Jahren (siehe die neue Gewichtsregelung, die erst vier Jahre nach Bekanntwerden in Deutschland eingeführt wurde) die DLV-egoistische Variante (wir sind ja schließlich wer) Blüten trieb.
Nun also schauen die jungen Wilden (M/W 30) ab 2012 nur noch in die Landesröhre, sofern es überhaupt Landesmeisterschaften gibt, dürfen sich aber dafür seit Kassel „Senioren“ nennen. Der Ritterschlag zum Senior erfolgt also in bisher gehabter Form. Ein Erfolg, den man nicht oft genug feiern kann, und der die Ritterschlag-Jungsenioren stolz und sicher macht, dass man/frau nun nicht mehr zu Meisterehren kommen kann und darf.
Die Kommunen wird’s bestimmt freuen, denn sie sparen beim nächsten Sportehrentag eine Reihe von Einladungen, hatten doch gerade die leichtathletischen Jungsenioren immer den Großteil der Ehrungen ausgemacht, zu einem Zeitpunkt als es noch fleischige Rippchen gab und nicht die Diät-Variante à la Kassel 2011.

Ein Ralf-Peters-Kommentar

(Foto: Kasseler Rippchen, © Kochbar, RTL)

Kurfürsten

22. Juli 2011 by

Noch mit dem Jetlag aus Sacramento in den Knochen finde ich wichtige Informationen in meinem E-Mailschließfach. Es  steht das nächste Highlight an oder der nächste Tiefpunkt.  Heute tagt der DLV-Verbandsrat in Kassel. Wie es so schön heißt „am Rande der deutschen Meisterschaften“.

Das Gremium hat dabei Aufgabe und  Gelegenheit, seine seltsame,  sportfeindliche Entscheidung vom Frühjahr zu korrigieren, mit der es die Altersklassen M/W 30 und 35 abschaffte und in der Realität so die 30-39jährigen Leichtathleten vom Wettkampfsport ausschloss. Mit diesem besonders undurchdachten Beitrag zum demografischen Wandel hatte der DLV-Verbandsrat seinerzeit nicht nur Kopfschütteln, sondern auch eine bis dahin nicht gekannte Unterschriftenaktion ins Leben gerufen: Die „internetten Sechs“ (lampis.netpromasters-lamasters-sportresults-model2010geherpokal und SeLA-Netz) kämpften schon  kurz nach Bekanntwerden der beschlossenen Abschaffung der Altersklassen („AK“) 30 und 35 beharrlich für die Beibehaltung der so wichtigen Altersgruppen der 30 bis 39-jährigen und starteten eine in der Geschichte des DLV einmalige Unterschriften-Aktion. Zusammen mit dem Fachmagazin ‚Senioren Leichtathletik‚, das von seiner aktuellen Ausgabe in diesen Tagen allen Landesverbandspräsidenten ein Freiexemplar zukommen ließ, wurde damit der Protest von rund 1500 aktiven Leichtathleten gegen das Hinausdrängen der U40-Generation aus der aktiven Leichtathletik dokumentiert. Dieser Protest richtet sich offen gegen ein Vorgehen, das sinnfrei der erfolgreichen deutschen  Mastersleichtathletik den „Nachwuchs“ wegnehmen will und wird – so es kommt.

Freunde! Der Spaß, der Ehrgeiz und die Freude, den die Mastersleichtathleten am aktiven Wettkampfsport haben, stören offenbar die Funktionäre um Schoeppe,  Girschikofsky & Co. Sie dulden allenfalls AOK-Hausfrauentrab und Trimm-dich-Aktionen. Das aber ist ebenso anmaßend wie dumm.

Was heute geschieht, ist dabei auch bemerkenswert undemokratisch. Denn da hat Bayernpräsident Schöppe in persona gleich 30 Stimmen, wenn er den Arm hebt. Sein westfälischer Kollege genauso viel und die Niedersächsin Rita Girschikofsky 14. Insgesamt 103 Contra-Stimmen reichen folgich  für das Ende der traditionellen Mastersleichtathletik (guckst Du hier den Beitrag von Blasius Hippel). Die Stimmen entfallen also nicht etwa auf die Landesverbände und eine mehrköpfige Delegation, die unterschiedlich votieren könnte. Allein der jeweilige Präsident eines Landesverbandes stimmt ab. Schöppe hält also sozusagen 30 Hände hoch.  Das ist abenteuerlich. Denn selbst wenn das höchste Gremium eines Landesverbandes beschlösse, die Altersklassen beizubehalten, könnte der Präsident mit allen Stimmen seines DLV-Landesverbandes gegenteilig abstimmen. Gleichzeitig hat der DLV-Präsident nur eine einzige, seine eigene  Stimme. Da stimmten ja die Kurfürsten und Kurbischöfe des Mittelalters demokratischer ab, weil jeder von ihnen bei der Wahl nur  eine Stimme hatte. Diese Strukturen und die  Neuordnung  der unübersichtlichen Schar von Landesverbänden sind der wirkliche Reformbedarf im zurzeit allenfalls noch drittligareifen DLV!

Bekannt geworden ist (erst) jetzt auch der aktuelle Antrag des Bundesfachausschusses (BFA) ‚Senioren‘  an den DLV-Verbandsrat. Dieser schlanke, bescheidene Antrag (lesen!) wird heute nicht angenommen werden.  Er wird wohl so entschieden werden, dass man sich auf die sogenannte  internationale Lösung verständigt. Abgeschafft bleibt die Altersklasse M/W 30. Die Submasters, aus der  sich die Leichtathletikseniorinnen und -senioren in der Vergangenheit rekrutiert haben, sind dann Geschichte. Bei mir war es die DM 1991 in Hagen (Westfalen), als ich über 800m Vierte wurde und meine beiden Ältesten tödlich beleidigt waren, dass „Mama keine Medaille“ bekam. Für mich war der Wettkampf ein tolles Gefühl, nach -zig Jahren und fünf Kindern „wieder da“ zu sein! Ich glaube nicht, dass ich fünf Jahre in der allgemeinen Wettkampfklasse hinterher gelaufen oder erst mal eine mehrjährige Warteschleife eingelegt hätte.  Der in Aussicht stehende M/W-35er-Beschluss den z.B. Nordrhein, Westfalen und Hessen heute  favorisieren, ist also in Wahrheit nur ein fauler Kompromiss. Er kneift mit der Altersklasse M/W 30 nämlich das ab, was nicht abgekniffen werden darf.

War folglich aller Protest vergebens? Heute denke ich da an den mutigen, aufrüttelnden Rücktritt des Aktivensprechers Wolfgang Ritte, an die vielen SeLa-Leserbriefe, Kommentare, Interviews und an die besonders beeindruckende Stadionansprache von Thomas Ritte bei der DM Senioren I in Ahlen vor ein paar Wochen. Alle hatten eines zum Ziel: M/W 30 und M/W 35 müssen bleiben. Der Verbandsrat des DLV wird sich dummerweise anders entscheiden und damit ein funktionierendes gutes System zerschlagen, um das uns ganz Leichtathletik-Europa beneidet.

Oder geschieht ja doch noch ein Innehalten? Denn die Hälfte ist natürlich nicht genug. Die Leichtathletik braucht das Ganze, Ihr Funkti0näre! Aber wenn ihr statt dessen  nur die AK  M/W35, also 50% zulasst und Euch oberflächlich-gönnerhaft auf Internationales beruft, dann doch bitte mit allen Konsequenzen: International gilt bei der AK-Zugehörigkeit die Geburtstagsregelung statt der DLV-Jahrgangsregelung sind und alle Wettbewerbe in allen Altersklassen. Und die internationalen Maße und Gewichte. Rosinenpicken ist da nicht. Nioch ist Gelegenheit, einen Fehler zu korrigieren. Heute in Kassel, am Rande der Meisterschaften.

(Foto: Titelbild Seniorenleichtathletik August 2011; Grafik re.: Druck des Kurfürstenkollegiums bei der Wahl Heinrichs VII. )

Initiative

27. Juni 2011 by

Die Aussage  des Wochenendes bei der DM Senioren I in Ahlen kam von keinem Geringeren als Dr. Thomas Ritte, als er vom örtlichen Veranstalter für seine drei Siege (110 m Hürden, Weitsprung, Stabhochsprung) am Sonntagmittag besonders geehrt wurde
Nach der Ehrung im Sportpark Nord der westfälischen Stadt ergriff Dr. Thomas Ritte das Mikrofon und hielt ein beeindruckendes Plädoyer: „Ohne M/W 30 und M/W 35 gibt es keine Zukunft für die Seniorenleichtathletik“, sagte der Athlet des Weseler TV und führte den Anwesenden vor Augen, was passiert, wenn diese beiden Altersklassen gestrichen werden. Für seine beherzte spontane Rede erhielt der Arzt lang anhaltenden (und ehrlichen) Applaus der Athleten, Betreuer und Kampfrichter.

Danach zeichnete LG-Vorsitzende Manfred Kreutz (Foto: links neben Dr. Ritte) danach die LG Neiße und ihren Betreuer Gerd Scholz mit einem weiteren Ehrenpreis aus. Anlass war die T-Shirt-Initiative der LG Neiße, die von den sächsischen Aktiven ausging.

(Foto: © LG Ahlen)

Identifikation

17. Juni 2011 by

In der Nationalmannschaft startet man auch, um sein Land zu repräsentieren, was von der Mehrzahl der Mitglieder als Ehre empfunden wird. Man ist stolz darauf, sein Land vertreten zu dürfen. So geht es auch Seniorenstartern, die das Nationaltrikot überstreifen dürfen. Aber: Gibt es überhaupt „das“ Nationaltrikot?

Wenn man das Titelbild der jüngsten Senioren-Leichtathletik-Zeitschrift (Heft 7/11; Foto re) betrachtet, glaubt man zunächst nicht, dass hier zwei Läufer abgebildet sind, die ein einig Deutschland bei internationalen Seniorenmeisterschaften repräsentieren – zu unterschiedlich ist ihr Erscheinungsbild. Sicherlich trifft es zu, dass in Thionville/Yutz in Frankreich der eine für die 1., der andere für die 2. Deutsche Mannschaft an den Start geht. Dennoch repräsentieren beide Deutschland bei internationalen Meisterschaften im Ausland. Die Bilder von dieser Meisterschaft sind nicht geeignet, das Nationaltrikot als einendes Identifikationsmittel und –merkmal wahrzunehmen. Der Zuschauer ist irritiert, die Mitbewerber sind es auch.

Deswegen wäre es sicherlich förderlich, wenn alle Mitglieder einer einheitlichen Nationalmannschaft, als die sich diese fühlen, auch, wie es die allgemeinen Wettkampfbestimmungen vorsehen, in einem einheitlichen Nationaltrikot starten, auch wenn sie in unterschiedlichen Wettkämpfen an den Start gehen. Deutschland wäre besser repräsentiert. Der Verband müsste ein Interesse daran haben, dass seine Starter im einheitlichen Trikot an den Start gehen – der Athlet möchte auf jeden Fall Deutschland in dem Nationaltrikot repräsentieren.

Blasius Hippel

Wahre Finnen

23. April 2011 by

Wenn es um die Darstellung des eigenen Landes geht, wenn es um die Nation Finnland geht, wenn es um Zusammenhalt geht, dann ist diese kleine Nation Finnland ganz groß. Erst recht im Sport. Leichtathletik-Länderkämpfe gegen Schweden z.B. elektrisieren auch heute noch das ganze Land und bei internationalen Meisterschaften wird auch noch der letzte Finne überzeugt, sein Land zu vertreten. Und so tritt dann an die Startlinie der „wahre Finne“, der sein letztes Hemd gibt, um die Ehre der Nation einzubringen.

2009 sah Finnland das wohl bislang beste Beispiel, wie man eine Nation vertreten kann. Über 1500 finnische Masters fuhren ins Ski-Sprung-Mekka nach Lahti und nahmen an den Weltmeisterschaften der Masters teil. 1500 Mastersathleten, das war ein Drittel aller Teilnehmer. 1500 Mastersathleten aus einem Land mit 5 Millionen Gesamteinwohnern. Im Vergleich dazu der nächste Organisator Sacramento, in Kalifornien liegend – 37 Millionen Einwohner.

Lob über Lob ob der Organisation „The best ever“ ließ Interimspräsident Tom Jordan zum Ende der WM 2009 verlauten und dazu die Nachricht, dass der Medaillenspiegel eine klare Aussage traf zum Erfolgsbild. Finnland war 2009 die Nummer Eins in der Masterswelt.

Ähnlich sieht es immer aus, wenn in Deutschland eine internationale Mastersmeisterschaft über die Bühne geht. Aus dem DLV-Gebiet kamen immer (und teils mehr als) 50% der Gesamtteilnehmer. Ein Zeichen, dass auch in Deutschland die Herausforderung einer solcher Meisterschaft angenommen wird.

Nun also sind die USA an der Reihe; nach 1995 ein weiteres Mal. Damals kamen wie just in Finnland so um die 5300 Teilnehmer nach Buffalo; darunter waren knapp 1800 US-Boys und -Girls, die an die Grenze zu Kanada fuhren und sich als Nation Nummer Eins in der Masterswelt präsentierten.

Doch „tempora mutantur“. Das Interesse in den Staaten hat erheblich nachgelassen. Bis wenige Stunden vor der Meldefrist hatten sich keine 1000 US-Senioren eingetragen. Sie, die jahrelang darum gekämpft hatten, dass sie, die US’ler, endlich mal wieder an der Reihe waren, strafen eigentlich das Begehren mit Lügen. Zwar können noch etliche Meldungen eingehen, aber bislang ist von großer Euphorie nicht gerade die Rede.
Anders ausgedrückt: die Finnen sind die wahren Senioren. Oder?

Jyväskylä wird 2012 bei der Hallen-WM erneut zeigen, dass die ‚wahren Finnen‘ im Sport zu finden sind, auch wenn es (politische) Zweifel gibt, dass sie auch die ‚wahren EURO-päer‘ sind.

Ach ja: Online können (erst einmal) noch bis zum Ostersonntag Meldungen abgegeben werden. Auch für Deutsche und andere Mitteleuropäer  geht das bis zum 24. April, 20.59 Uhr. Bisher nämlich  stehen erst 195 Masters aus Deutschland auf der Liste…

Ein Kommentar von Ralf Peters

Kuckucksei

17. April 2011 by

Jetzt haben wir den Salat! Das werden all’ jene sagen und beklagen, die sich jahrelang – letztlich erfolgreich – die Finger in Leserbriefen wund geschrieben haben, damit ihnen kein älterer, leistungsstärkerer Athlet durch Runterstarten in ihre (jüngere) Altersklasse in die Suppe spuckt. Bei der von 43 auf 28 Seiten entrümpelten Deutschen Leichtathletik-Ordnung (DLO) wird nun genau das in deren ab 2012 gültigen Fassung wieder möglich.

Dazu heißt es in der Kommentierung von Eberhard Vollmer auf der Verbandsnetzseite im Wortlaut: „Weggefallen ist auch die bisherige Bestimmung, dass man bei einer Veranstaltung die gleiche Disziplin nur in einer Altersklasse bestreiten darf. Zukünftig ist es also erlaubt, dass ein Jugendlicher zunächst am Kugelstoßen der U20 teilnimmt und etwas später noch einmal am Kugelstoßen der Männer.“ Das mag ja speziell in dieser Disziplin Sinn machen, wenn man beispielsweise ein Jahrhundert-Talent wie David Storl aus Chemnitz hat(te)
Plakativer David Storl.

Bei „Fliegende Kugeln im Advent“ im Dezember 2009 in Rochlitz gab er zunächst seinen Ausstand bei der A-Jugend mit der Sechser und ist anschließend bei den Männern (7,26 kg) gestartet, schlug bei der Gelegenheit so „ganz nebenbei“ Ralf Bartels (Neubrandenburg). Durfte er damals eigentlich nicht. Und darum stieß er eine Etage höher mit einem streng genommen ebenfalls nicht erlaubten Kunstgriff außer Konkurrenz. Bartels bezwungen und doch nicht gewonnen. Schizophren.

Gehört also ab 2012 der Vergangenheit an. Das ist einem dermaßen gelagerten Fall sicherlich zu begrüßen. Aber haben die Herren Frank O. „Napoleon“ Hamm und Konsorten auch an die Senioren gedacht? Gewiss nicht! Bleiben wir beim Kugelstoßen, da es gerade so gut ins Bild passt. Unterstellt, der Verbandsrat macht im Juli in Kassel den Beschluss Senioren-Eingangsalter M/W 40 rückgängig, würde ein Ausnahmeathlet wie Tilman Northoff (M 40) bei den „Deutschen I“ unter Garantie gleich die Titel in der M 30, 35 und 40 einheimsen. Ein noch krasseres Beispiel gefällig? Klaus Liedtke (M 70) könnte sich bei den „Deutschen II“ an der Kugelstoß-Anlage einnisten und die gesamte Palette von der M 70 bis 50 abwärts mit der Vierer, Fünfer und Sechser bestreiten. Wenn auch nicht alles siegreich. Ob solche denkbaren Szenarien gewollt waren, wage ich füglich zu bezweifeln. Ein Kuckucksei der Marke überdemensional.

Wetten, dass nunmehr wieder, wie schon anno dazumal, die Engels, Klimmer, Vogt & Co. auf den Plan treten und sich in Leserbriefen sowie Foren mit mehr oder weniger qualifizierten Argumenten ausweinen…

Ein Kommentar von Axel Hermanns (lampis.net)

Aprilscherz?

3. April 2011 by

An Gerüchten, so der Volksmund, ist immer etwas Wahres. Und so wird manches Gerücht auch gern auf die Warmhalteplatte gelegt, um dann bei etwas mehr Fleisch erneut angefeuert werden zu können.
Getrost kann man die 1.-April-Geschichte auf lampis.net der Gerüchteküche zuordnen, wenngleich die Unzufriedenheit im Seniorenlager dadurch nicht gebremst wurde.
Die Nonchalance, mit der der gewählte DLV-Vizepräsident Dr. Matthias Reick und die berufene BA-Vorsitzende Margit Jungmann mit Themen des Seniorensports umgehen, werden zum Reizthema der größten Mitgliederbewegung im Fachverband.
Zwar ist die Gründung eines ‚Deutschen Senioren Leichtathletik Verbandes‘ (DSLV) ein fast zynischer  Anlass zu einem 1.-April-Beitrag gewesen, die Gedankenspiele um eine Absonderung (und damit bessere, respektvollere Betreuung der Seniorinnen und Senioren) reißen jedoch nicht ab.
Bei all diesen (Abspaltung-)Spielen kommen immer mehr unsere europäischen Nachbarn als Vorbild ins Spiel; Nachbarn wie die Finnen, die Polen, die Briten, die Schweizer. Sie haben ihre eigene Senioren-Sektion; eine Sektion, die die deutschen Leichtathletiksenioren durchaus bei den Turnern ansiedeln könnten.

Denn die deutschen Turner (DTB) haben eine selbstständige Sektion Leichtathletik, führen Mehrkämpfe (mit Leichtathletik) durch und sind vom DOSB als Dachverband anerkannt, eine Grundvoraussetzung für eine offizielle Fachverbandsbeitritt.

Und noch dies:  Heinrich Clausen ist ehemaliger DLV-Mitarbeiter mit großer Erfahrungn  in der Organisation von gleich zwei Leichtathletik-WM, einer EM und internationalen Seniorenmeisterschaften; mit wenigen anderen rettete er die Senioren-WM in Durban, als sie im Organisationschaos überforderter Gastgeber abzusaufen drohte. Und jetzt ist eben dieser Heinrich Clausen seit dem 1. Februar 2011 beim DTB tätig. Dies könnte den Wahrheitsgehalt des April-Gerüchtes und die damit verbundenen Gedankenspiele erhöhen oder auch nicht…

Seit Leipzig jedenfalls ist die Welt der Leichtathletik-Seniorinnen und -Senioren in Deutschland eine andere geworden. Fragt sich nur, ob der 1. April nur mit Flunkereien erklärbar ist oder ob da die Warmhalteplatte mehr anheizenden Charakter hat.


Ein Kommentar von Ralf Peters