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Richtiger Schritt

8. April 2009

Zur Erklärung der fünf DLV-Trainer veröffentlicht die Frankfurter Runschau diesen Kommentar. Wir schließen uns den Aussagen an.

Richtiger Schritt

VON REINHARD SOGL
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Zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges und des Nebengefechtsfelds Sport mit seiner speziellen Aufrüstung wird eine der letzten Spätfolgen aufgearbeitet. Fünf Trainer des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) mit einer Vergangenheit als Mitarbeiter im dopinggestützten DDR-Sport waren die ersten, die die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) gebaute Brücke nutzten. Viele weitere Trainer aus anderen Sportarten werden die Erklärung ebenfalls noch abgeben, in der sie sich zu ihrer Doping-Mitschuld bekennen und ihre Taten bedauern, ohne gleich um den Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Und das ist auch gut so.

Die Zeit der Heuchelei hat damit hoffentlich ein Ende. Dass der DOSB respektive die Verbände Trainer mit DDR-Vergangenheit wider besseres Wissen zu Ehrenerklärungen nötigten, nie etwas mit den von Manfred Ewald verordneten unterstützenden Mittel-Methoden zu tun gehabt zu haben, wenn sie nicht ihren Status als Bundestrainer oder die Aufnahme in das Olympiateam aufs Spiel setzen wollten, war der Gipfel der Bigotterie. Insofern ist die von Sportpolitikern nun gefundene Lösung, die freilich auch erst auf Initiative von Leichtathletiktrainern und -sportlern entwickelt wurde, vielleicht auch so etwas wie die Reaktion auf ein schlechtes Gewissen. Wichtig aber bleibt, dass die Trainer-Erklärungen keine Persilscheine sind, sondern jeder Einzelfall von der Steiner-Kommission noch bewertet wird. Aber nach zwei Dekaden, in denen sich die geständigen Trainer hoffentlich nichts Weiteres zu Schulden kommen ließen, muss es auch im Sport so etwas wie Verjährung geben.

Freilich gibt es auch im Sport zwei Seiten einer Medaille. Da sind nämlich zum einen die Trainer, die mehr oder weniger Schuld auf sich geladen haben und – mit Ausnahme des nach wie vor um seine Wiederanstellung klagenden Wurftrainers Werner Goldmann – ihren Beruf weiterhin ausüben dürfen, und zum anderen die DDR-Dopingopfer. Dass sie die von ihnen als „politische Perversion“ (Ines Geipel) bezeichnete Amnestie für geständige Trainer geißeln, ist verständlich. Ist ihr Leben schlimmstenfalls doch zerstört, derweil gewisse Trainer für ihr Fehlverhalten nicht büßen mussten – im Gegensatz zu Kollegen, die sich Befehlen widersetzten.

Stundenlang

20. März 2008

DieFrankfurter Rundschau kommentiert die aktuellen Äußerungen von Helmut Digel:

Wie damals

Von Jürgen Ahäuser

Biathlon ist der Deutschen liebste Sportart im Winter. Rund um die so erfolgreiche Lach- und Schießgesellschaft streuen die öffentlich-rechtlichen Sender den Zuschauern noch stundenlang weiter Eis und Schnee in die Glotzaugen. Rodel und Bob sind, was den Unterhaltungswert der Bilder angeht, ungefähr so spannend wie früher die Testbilder, die einen gelegentlich im Schlaf erschreckten. Es ist nicht immer leicht zu erklären, warum eine Sportart, die eben noch im Dornröschenschlaf lag, plötzlich zum Quotenbringer wird.

Der Winterzweikampf ist aber geradezu das Lehrbeispiel dafür, wie eine Erweckung funktionieren kann. Helden und Heldinnen braucht das Land – die liefern Biathleten und -athletinnen (Rodler auch) in so atemberaubendem Tempo, dass zu Hause schon mal der Überblick verloren gehen kann. Außerdem haben die Skijäger ihre Sportart zuschauerkompatibel aufgepeppt. Um Magdalena Neuners Schießprügel wackeln zu sehen, braucht niemand ein Fernrohr. Acht Stunden Winterspaß am laufenden Band, in den Sendern, die sich den Kultur- und Erziehungsauftrag als Feigenblättchen ins Programm heften, aber nur ein paar Kameraschwenks von der Hallen-Leichtathletik-WM

Die Galle kommt Helmut Digel aber erst recht bei dem Gedanken hoch, dass ARD und ZDF sich nicht schämen, „Profi-Boxen in widerlicher Weise zu inszenieren“. Weit schlimmer noch als der Professor für Sportsoziologie und ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes konstatiert, ist die Schamlosigkeit, mit der die meist blutigen Spektakel ausgerechnet in den selbsternannten Flaggschiffen des Nachrichtenjournalismus tagelang vorher promotet werden.

Dem Tübinger Gelehrten muss niemand erklären, wo der Schuh bei den derzeitigen Leichtmatrosen des deutschen Sports drückt. Würde jemand auf der Straße nach bekannten Leichtathleten fragen, die meist gegebene Antwort wäre wohl: „Ich kenne keinen.“ Es fehlen Gesichter, mit denen die Zuschauer Emotionen und Erfolge verbinden. Und: die Leichtathletik kommt immer noch so daher wie einst im griechischen Olympia. Stundenlang Hochsprung schauen macht halt doch verdammt müde.